>
> Bei Patenten versuchen Firmen möglichst schnell ihre Entwicklung
> voranzutreiben um einen Vorsprung gegenüber der Konkurrenz zu haben
> und können dann ihre Investitionen schützen. In diesem Umfeld lohnt
> sich Arbeit, es gibt Anreize und Ziele.
>
> Bei Linux warten alle bis irgendjemand, irgendwann, irgendwo,
> irgendwas macht, das man dann einfach abschreibt. Ein Verhalten das
> zu Degeneration, geistiger Verarmung führt und hier Zustände wie in
> Nordkorea heraufbeschwört.
>
> Und Pseudopatente werden sich auf Dauer sowieso nicht halten können,
> wenn alle Softwareentwickler gemeinsam dagegen vorgehen. Ein
> Schiedsgericht ist für solche Fälle ja schon geplant.
>
Das Patentwesen ist mal ersonnen worden, um Investitionsschutz für
Erfinder und Unternehmen zu schaffen, die wirklich innovative Ideen
mit “10% Inspiration und 90% Transpiration” zur Einsatzreife bringen
und als Produkt vermarkten wollten. Mittlerweile ist das Patentwesen
(wie so vieles andere) erheblich degeneriert. Insbesondere die
ursprünglich (und im Wortlaut immer noch) geforderte Erfindungshöhe
wird heute eigentlich schon von Kriechtieren erklommen. In den
Patentämtern wird nur noch recherchiert, ob die eingereichte Idee
wohlmöglich schon von jemand anderem eingereicht worden ist. Ob die
Idee für den Fachmann überraschend ist, danach fragt doch niemand
mehr. Und so ertrinkt die Wirtschaft in einer Flut von
Trivialpatenten.
Für die Softwareentwicklung bedeutet das, dass das Risiko,
unwissentlich ein patentiertes Verfahren zu benutzen, weil die Idee
naheliegend ist (was sie für eine Patentierfähigkeit eigentlich nicht
sein darf) und deswegen eben dem Softwareentwickler in ähnlicher
Situation immer wieder kommt, erheblich steigt. Damit steigen dann
aber bei sauberen Projektmanagement die Aufwände für die Prüfung der
Verletzung von Schutzrechten, das kann selbst bei kleineren Projekten
mit ein bis zwei Entwicklern dann locker 0,5 – 1 FTE fressen. Ich
frage mich, ob Herr von Pierer begreift, dass auch seine
Softwareentwicklungsteams von diesem Problem betroffen sein werden.
Wer bei der Softwareentwicklung auf solche Prüfungen verzichtet, der
geht ein erhebliches Risiko für sich UND seine Kunden ein. Denn die
Verletzung von Schutzrechten kann der Rechteinhaber gegenüber allen
Beteiligten geltend machen: den Entwicklern, den Herstellern, den
Kunden, die die Produkte kaufen, den Benutzern, die diese Produkte
benutzen. Erhebliche Rechtsunsicherheit ist die Folge.
Natürlich gibt es auch in der Softwareentwicklung patentierfähiges,
zum Beispiel wirklich ausgefuchste Algorithmen in der
dreidimensionalen Bildverarbeitung und -aufbereitung, die allesamt
extrem pfiffig sind und erheblichen Fortschritt darstellen. Zur
Entwicklung solcher Algorithmen braucht man Forscher, die man auf gut
Glück entdecken lässt, und die nun mal über die Verwertung ihrer
brauchbaren Ideen finanziert werden müssen.
Um die Idee zu bekommen, abhängig von der Dauer des Drucks auf einen
Knopf unterschiedliche Softwarereaktionen auszulösen, muss man
allerdings kein Forscher sein.
Und natürlich wird Open Source durch Softwarepatente besonders
diskriminiert. Denn welche Algorithmen ein Programm verwendet, lässt
sich ohne Quelltext überhaupt nicht feststellen. Nur bei Open Source
hat man überhaupt die Chance, patentierte Algorithmen zu entdecken.
Ob Microsoft oder sonst ein kommerzieller Hersteller in seinen
Produkten den gleichen Algorithmus ebenfalls rechtswidrig einsetzt,
wird nie jemand feststellen können.
Aber was darf man schon von einer Bundesregierung erwarten, die nicht
nur hier in ihrer Rat- und Ahnungslosigkeit hektisch alles umsetzt,
was die Industrie ihr vorschlägt. Noch nie war eine Regierung so
billig zu haben wie heute.